Hardcover, 510 Seiten
Euro 27, sFr 48
ISBN 3-9807572-5-0
Ein Kommentar zu einem der wichtigsten Grundtexte des Mahayana, der in allen Einzelheiten erklärt, wie wir den Geist des Altruismus in unserem täglichen Leben umsetzen können.
Geshe Yeshe Tobden, der viele Jahre seines Lebens in Klausur verbrachte, verbindet in seinen Unterweisungen die Präzision eines Gelehrten mit der Lebendigkeit eines Meditierenden, der aus tiefer persönlicher Erfahrung spricht.
Auszug aus „Der Weg des Sanften Kriegers“
Die Vorzüge der Geduld
Wir haben nun verstanden, dass die Befreiung aus dem Samsara möglich ist. Doch das ist noch nicht genug. Wir müssen auch noch allen Lebewesen helfen und dazu Gefühle der Liebe und des Mitgefühls ihnen gegenüber erzeugen.
Es wurde bereits erklärt, warum wir davon ausgehen können, dass es unzählige vergangene Leben gegeben hat. Da wir bereits unendlich viele Male geboren wurden, waren alle Lebewesen einmal unsere Mütter und haben - so wie jede Mutter - Liebe und Güte für uns empfunden. Betrachten wir die Sachlage unter diesem Blickwinkel, so können wir ein Gefühl der Liebe und des Mitgefühls entwickeln und alle Lebewesen schätzen.
Die Güte der Mütter lässt sich leicht aufzeigen: Kaum sind wir geboren, nehmen wir bereits ihre Milch zu uns, und sie hat auch später uns mit sehr viel Liebe umsorgt. Aber auch die Güte vieler anderer Lebewesen ist fundamental für unsere Existenz. Als wir begannen, statt Muttermilch andere Nahrung zu uns zu nehmen, so war das nur aufgrund der Anstrengungen vieler Lebewesen möglich. Die Kleider, die wir tragen, und das Haus, in dem wir leben, wurden durch die Arbeit verschiedener Menschen erzeugt. Das Spielzeug, an dem wir uns als Kinder erfreuten, war das Produkt der Arbeit anderer Menschen. Als wir in den Kindergarten und dann in die Schule gingen, haben sich Lehrer um uns gekümmert, und auch jetzt haben wir eine Anstellung, weil jemand sie uns gab. Die Straßen, auf denen wir gehen, und auch die Autos, mit denen wir zur Arbeit fahren - sie alle entstehen aus der Anstrengung verschiedener Menschen. Vom Moment unserer Geburt bis zum Tod sind wir vollständig von anderen abhängig. Es ist ganz und gar möglich, sich alles, was wir brauchen, selbst zu beschaffen. Auch unseren Staat haben wir - wenn er nicht von einem anderen Staat besetzt wurde - dem Einsatz anderer Menschen zu verdanken. Die Chinesen haben Tibet besetzt, doch wenn ich jetzt aus Indien hierher komme, um mit euch über das Dharma zu sprechen, so geht das auf die Chinesen zurück. Angefangen beim Essen über unsere Kleidung bis hin zu einem Lob, das wir empfangen: Alles entsteht aus der Güte der anderen.
Wenn wir noch immer keine Liebe und kein Mitgefühl für alle Wesen erzeugen können, nachdem wir nun festgestellt haben, dass sie äußerst gütig zu uns waren und es noch immer sind, ist das allein unser Fehler. Wir neigen dazu, Menschen in drei Kategorien einzuteilen: nämlich in Freunde, diejenigen, die uns gleichgültig sind, und Feinde, nämlich die Menschen, die uns Probleme schaffen. Wir empfinden manche Menschen als unsere Freunde, weil sie freundlich zu uns waren und uns auf irgendeine Art nutzten. Nun haben wir aber gerade den Schluss gezogen, dass uns im Verlauf unzähliger Wiedergeburten alle Lebewesen auf vielerlei Weise genutzt haben. Daher sollte es uns nicht schwer fallen, in die Kategorie der Freunde auch jene Menschen einzuschließen, die uns heute gleichgültig sind, und sogar diejenigen, die wir momentan ablehnen. Das ist leicht, wenn wir daran denken, dass alle Lebewesen in diesem wie auch in allen vergangenen Leben gütig zu uns waren.
Wenn wir die Güte eines Menschen daran messen, ob dieser Mensch uns gerade eben Gutes getan hat, dann dürften wir nicht einmal sagen, die Mutter von Carla sei gütig, denn sie ist im Moment nicht anwesend. Sind nicht auch jene gütig, die uns in der Vergangenheit Gutes taten? Auch ein Mensch, der uns vor langer Zeit in unserer Kindheit gut zu uns war, ist gütig.
An diesem Punkt mag uns vielleicht in den Sinn kommen, dass uns andere Menschen auch geschadet haben. Aber ob uns geschadet wird oder nicht, hängt ausschließlich von uns selbst ab. Wenn uns beispielsweise ein Mensch mit einem Stock schlägt, wir jedoch bei diesem Anlass Geduld entwickeln und uns nicht aus der Ruhe bringen lassen, dann hat uns dieser Mensch genützt und nicht geschadet. Wir müssen den Menschen, der uns geschlagen hat, als unseren Lehrer betrachten, welcher uns die Praxis der Geduld lehrt.
Andere Menschen können uns geschlagen haben oder in Zukunft schlagen, doch wenn wir sie nicht beschuldigen und statt dessen lernen, dies zu ertragen, so entwickeln wir Geduld. Damit wird ihre Art zu handeln zu etwas Nützlichem für uns. Ist all das, was wir ich Schaden nennen, in Wirklichkeit Nutzen, dann können wir auch nicht behaupte, nur Wohltaten seien nützlich.
Wenn es uns gelungen ist, negatives Handeln gegenüber anderen zu vermeiden, indem wir uns in Ethik übten, so schulden wir jenen viel, die uns als Objekt unserer Praxis dienten. Auch um die Eigenschaften von Liebe und Mitgefühl zu entwickeln, brauchen wir ein Objekt, also die anderen Lebewesen,. Das gleiche gilt für Bodhicitta, für die Paramita der Großzügigkeit und für alle anderen Paramitas.
Indem wir die Güte der Lebewesen uns gegenüber anerkennen und gleichzeitig ihr Leiden sehen, entwickelt sich Liebe und Mitgefühl. So entsteht eine gute Motivation und wir üben das Dharma, womit wir uns indirekt auch selbst gut tun. Erinnern wir uns jedoch ausschließlich daran, wie sehr uns die anderen geschadet haben, dann empfinden wir nur Hass und Leiden. Wenn es uns gelingt, Liebe und Mitgefühl zu erzeugen und den Geist auf diese beiden Haltungen auszurichten, vermeiden wir negative Gedanken und Bösartigkeit den Lebewesen gegenüber.
Spricht jemand unfreundlich mit uns, so sollten wir versuchen, geduldig zu sein, anstatt mit Zorn zu reagieren, und Folgendes zu denken: „Auch wenn dieser Mensch mir hässliche Dinge sagt, sollte ich nicht zornig werden. Seine Worte sind nichts anderes als Klang. Wenn ich mir nichts daraus mache, werde ich keinen Schaden nehmen. Diese Worte bringen mich nur zum leiden, wenn ich sie wichtig nehme und an sie denke. Mache ich das nicht, haben sie keinerlei Nachwirkung.“ Denken wir auf diese Art darüber nach, verschwindet unser Hass auf natürliche Art.
Tatsächlich haben Worte keinerlei Macht, um zu schaden. Wenn wir beispielsweise in ein Wörterbuch schauen und dort das Wort „verrückt“ lesen, verspüren wir dabei keinerlei Emotion. Sagt uns allerdings jemand: „Du bist verrückt“, werden wir zornig. In Wirklichkeit hat dieses Wort keine Macht über uns, sonst müsste es uns bereits verärgern, wenn wir es im Wörterbuch lesen.
Die verschiedenen Methoden der Geistesschulung zu erlernen ist eine wunderbare Sache, doch müssen wir unter ihnen diejenigen auswählen, welche für uns am nützlichsten sind und unseren Fähigkeiten entsprechen. Wenn wir uns entscheiden, ein Thanka zu malen, gehen wir ähnlich vor. Wir beginnen mit den ersten schwarzen Linien, danach wird die erste Farbe eingesetzt und dann eine zweite. Auf diese Art kommt ein gutes Bild zustande. Tragen wir dagegen alle Farben gleichzeitig auf, entsteht daraus kein gutes Thanka. Wir sollten die richtige Reihenfolge der Übungen kennen, welche wir anwenden. Wollen wir lernen, ein Motorrad zu fahren, müssen wir auf einem Fahrrad beginnen; auf diese Art werden wir Unfälle vermeiden. Fehlt uns das Wissen über die richtige Reihenfolge der spirituellen Übungen, könnten wir entmutigt werden und enttäuscht, da es überaus schwierig ist, die sehr hohen Praktiken anzuwenden.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem spirituellen Menschen und einem Materialisten. Die Einstellung von Materialisten läuft darauf hinaus, dass sie nur nach ihrem persönlichen Wohlergehen trachten, während Menschen auf dem spirituellen Pfad vor allem anderen nutzen wollen und bereit sind, Schwierigkeiten an deren Stelle auf sich zu nehmen. Wenn wir in der Lage sind, die Verlierer zu sein, beziehungsweise den anderen den Gewinn zu überlassen, werden wir die wahren Sieger sein.
Niemand möchte gerne verlieren, das möchten weder wir, noch die anderen, und so entstehen Konflikte, Gegensätze, und am Ende kommt es gar zu körperlichen Auseinandersetzungen. Falls wir uns auf keinen Fall auf der Seite der Verlierer wiederfinden wollen, sollten wir doch wenigstens den Wunsch erzeugen, den anderen nicht zu schaden und alles versuchen, damit es zu keinen Niederlagen kommt. Zwei Personen kämpfen miteinander, weil beide das Beste wollen, niemand möchte verlieren. Trotzdem ist klar, dass einer von beiden verlieren muss. Es ist besser, wenn wir die Verlierer sind, denn wir werden daraus Vorteile und Nutzen ziehen, weil wir uns in der Praxis der Geduld üben.
All das ist sehr schwierig in die Praxis umzusetzen, doch wenn wir schrittweise damit beginnen und zuerst ein Mal, dann ein zweites Mal und dann immer wieder darauf verzichten, die Sieger zu sein, wird es uns gelingen, ein besserer Mensch zu werden.
Je tiefgründiger und weiter unser Verständnis des spirituellen Pfades wird, umso mehr werden wir in unserem Leben erhalten. Wir haben jetzt eine menschliche Form und einen intelligenten Geist, der in der Lage ist, zwischen gut und böse zu unterscheiden; wir hatten wirklich Glück. Es kann trotzdem schwierig sein, sich in jedem Augenblick unseres Lebens um die Dharma-Praxis zu bemühen, wie es Milarepa getan hat. Ein Mönch, ein Gelong, der sein gesamtes Leben der Dharma- Praxis widmet, darf nur von Almosen leben und von der Nahrung, die ihm angeboten wird, und verhungert doch nicht, er schafft es trotzdem zu überleben. Für einen Laien ist es vielleicht nicht möglich, sich vollständig der Praxis des Dharma zu widmen und nicht zu arbeiten. Es ist jedoch weise, die freie Zeit nach der Arbeit für die Praxis zu reservieren. Ist auch das unmöglich, dann nutzt wenigstens einen Teil dieser Zeit für die Praxis. Eigentlich sollten wir den Großteil unserer Zeit mit der Dharma-Praxis verbringen und nur einen kleinen Teil darauf verwenden, uns die Mittel für unseren Unterhalt zu verdienen. Doch vielleicht ist das in der momentanen Situation schwierig; daher sollten wir wenigsten ein wenig üben. Am Anfang ist es nicht einfach, dem zu glauben, was uns gesagt wird, doch wenn wir darüber nachdenken, können wir es allmählich verstehen: Milarepa hat das weltliche Leben und alle Vergnügungen hinter sich gelassen, um sich vollständig der Dharma-Praxis zu widmen. Er erlangte die Erleuchtung, und heute ist er in der ganzen Welt bekannt.
Im vorliegenden Text hat Shantideva beschrieben, wie wir bei der Schulung des eigenen Geistes vorgehen sollen und was ein Bodhisattva tun muss, um den letztendlichen Zustand der vollständigen Erleuchtung zu erlangen. Wir sind zwar noch keine Bodhisattva, aber trotzdem ist es äußerst hilfreich zu erfahren, was diese tun sollten.
Wir sind mit unserer momentanen Situation nicht zufrieden, weder mit dem, wie wir sind, noch mit dem, was wir besitzen. Deshalb versuchen wir ständig etwas anderes. Wir bemühen uns, unsere Ziele bei der Arbeit zu erreichen, beispielsweise ein besseres Gehalt. Innerhalb der Familie bitten wir immer noch unsere Eltern. Wir versuchen auf alle möglichen Arten, die Hilfe anderer zu erhalten, oder noch etwas mehr als wir bereits besitzen. Doch trotz unserer großen Anstrengung erreichen wir nie, was wir uns erhoffen, und mit den Mitteln, die wir jetzt einsetzen, werden wir es auch nicht erlangen. An diesem Punkt müssen wir uns fragen, ob nicht noch andere Mittel existieren, um unser Leiden zu beseitigen. Bisher ist es uns nicht gelungen, seinen Ursprung zu verstehen und zu erkennen, wer unsere wirklichen Feinde sind, die uns so in Bedrängnis bringen. Sollte es uns gelingen, sie zu erkennen und sie zu zerstören, wird unser Leiden aufhören.
Geshe Tschekawa, ein Lama der Kadampa-Schule, erklärte im zwölften Jahrhundert in seinem Text „Die Essenz des Nektars“, dass unsere wahren Feinde nicht außen sind, sondern in uns. Es sind die negativen Emotionen unseres Geistes, und wir müssen lernen, sie als Feinde zu erkennen.
Wenn wir uns für das Wohlergehen anderer einsetzen, so ist das auch die Ursache für unser eigenes Glück. Falls es uns nicht leicht fällt, das nachzuempfinden, sollten wir uns zumindest vor Augen führen, dass es auf alle Fälle positiv ist, die anderen glücklich zu machen.
Verletzt uns jemand, so werden wir darüber sicherlich nicht glücklich sein. Schaden wir jemandem, so wird dieser Mensch darüber nicht froh sein. Deshalb müssen wir lernen, uns Einhalt zu gebieten, wenn es dazu kommen könnte, dass wir anderen Leiden zufügen. Gelingt uns das nicht, schaden wir nur uns selbst. Wenn zwei Kinder streiten und eines der beiden trifft das andere mit einem leichten Schlag, antwortet das andere Kind mit einem härteren Schlag, und so werden sie ihren Streit fortsetzen. Dasselbe geschieht zwischen zwei Nationen: Wenn einer Nation von einer anderen Schaden zugefügt wird, so wird diese den erlittenen Schaden möglichst heftig zurückgeben. Ist die eine Nation aber in den Genuss einer freundschaftlichen Geste gekommen, so versucht sie, etwas für das Volk zu tun, das seine Freundschaft bewiesen hat - so tragen beide Nationen etwas Nützliches davon. Aufgrund dieser Beispiele können wir verstehen, dass auf positives Handeln etwas Gutes folgt und sich im gegenteiligen Fall nur Nachteile ergeben.
Wenn wir darüber nachdenken, wie gütig ein Mensch zu uns war, dann werden wir spontan versuchen, diese Güte zu erwidern. Ebenso bemüht sich ein Kind, welches die Güte der Eltern erkennt, diese Güte zu erwidern, während ein anderes Kind des gleichen Paare, welches die Güte nicht erkennt, sich nicht für die Eltern anstrengt.
Wie können wir die Güte der Lebewesen wirklich erkennen? Die Chinesen haben den Tibetern in Tibet ihre Unabhängigkeit geraubt. Im Gegensatz dazu gibt es in diesem Land hier Freiheit. Die Nation hier ist sehr hoch entwickelt, wir können hier alles bekommen, was wir brauchen, und es gibt auch keine allzu hohe Kriminalität. All das verdanken wir der Güte jener, die für dieses Land gearbeitet haben, vor allem der Güte der Staatsoberhäupter und der Regierungsmitglieder. Wir haben Kleidung, verschiedenste Hilfs- und Transportmittel: all das verdanken wir der Freundlichkeit der Fabrikarbeiter und der Kaufleuten.
Auch die Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, sind uns gegenüber gütig, denn sie produzieren für uns Nahrungsmittel und mit ihren Tieren Milch. All das, was wir vom morgendlichen aufstehen an genießen, verdanken wir der Güte der anderen und nicht nur unseren eigenen Kräften.
Unsere Eltern waren sehr gütig zu uns, und sind es noch immer. Bei unserer Geburt waren wir wie kleine Würmer, wir konnten nicht einmal unterscheiden, was essbar ist und was nicht. Wenn jemand einen Tag lang für uns arbeitet, müssen wir ihm dafür eine bestimmte Geldsumme zahlen, arbeitet er einen Monat lang für uns, müssen wir einen entsprechend höheren Betrag dafür hinlegen. Unsere Eltern haben jahrelang für uns gearbeitet, und wir haben ihnen nichts davon zurückgezahlt. Wenn sie sich nicht um uns gekümmert hätten, als wir noch klein waren, könnten wir jetzt nicht einmal unsere momentane menschliche Existenz genießen. Erinnern wir uns an ihre Güte, so führt das zu dem spontanen Wunsch, diese zu erwidern; auf diese Art sammeln wir sehr viel positives Karma an.
Wenn wir viele positive Eindrücke angesammelt haben, können wir alles genießen, was wir uns wünschen, wir haben keine Schwierigkeiten im Leben und viele gute Freunde; alles wird für uns günstig sein. Wünschen wir uns für uns selbst bessere Bedingungen für die Gegenwart, dann müssen wir es vermeiden, anderen zu schaden und versuchen, ihnen zu helfen. Auch wenn wir uns nicht als spirituelle Menschen betrachten, so verhalten wir uns trotzdem wie spirituelle Menschen, wenn wir den anderen aber helfen und vermeiden, ihnen zu schaden - denn die Essenz des spirituellen Pfades ist es, den anderen zu helfen und ihnen kein Leid zu verursachen.
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