Lama Thubten Yeshe
Der Buddha des Mitgefühls

Erklärungen zur Meditationspraxis von Chenrezig

Softcover, 225 Seiten
Euro 17, SFr 30,90
ISBN 3-9807574-4-2

 

Ein Kommentar zu einer kurzen Meditationspraxis, die vom derzeitigen Dalai Lama verfasst wurde. Sie dient der Öffnung des Herzens und beinhaltet Techniken der Visualisierun gund Mantrarezitation.

Lama Thubten Yeshe (1935-1984) ist einer der bekanntesten tibetischen Meister. Er widmete sich ganz und gar seinen zahlreichen westlichen Schülern und verstand es, ihnen in einfachen Worten die tiefste Essenz buddhistischer Weisheit zu vermitteln.

Auszug aus „Der Buddha des Mitgefühls“ von Lama Yeshe

Verwirklichungen, die sich durch tantrische Praxis einstellen

Nun möchte ich über die Verwirklichungen sprechen, die ihr durch die Praxis von Yogamethoden wie dieser und durch die Mantrarezitation erlangen könnt. Es gibt viele Ebenen von Verwirklichung.

Die höchste Ebene ist natürlich die vollkommene Einheit des Zustands von Chenrezig, die Buddhaschaft.

Auf den gewöhnlichen Ebenen stellen sich noch andere Erfahrungen ein. Zum Beispiel erreicht man eine bestimmte Ebene durch die Rezitation von zehn Millionen Mantras. Wenn ihr ein langes Leben braucht, um die Befreiung zu erlangen, hättet ihr dann die Voraussetzung, um eine spezifische Yoga-Übung auszuführen, die das Leben verlängert. Vielleicht könntet ihr dann sogar ein paar hundert Jahre lang leben – seid nicht überrascht, so etwas ist möglich. Nagarjuna lebte beispielsweise 500 Jahre. Und einer meiner Gurus ist zur Zeit ungefähr 120 Jahre alt. Er ist vollkommen gesund und lehrt von morgens bis abends. Er wird als Manifestation der Weißen Tara, des weiblichen Buddha des Langen Lebens, betrachtet. Auch seine Eltern und die anderen Leute in seinem Dorf leben besonders lange. Es gibt eine spezielle Yoga-Methode, die man zu diesem Zweck praktizieren kann; sie heißt tse ring dzin.

Eine andere Verwirklichung wäre die Fähigkeit, den Inhalt einer Bibliothek telepathisch zu erlernen. Ihr könntet dann alles mithilfe der Telepathie lesen, 24 Stunden am Tag, ohne Unterbrechung. Vielleicht haltet ihr das für unmöglich, doch was ich sage, entspricht der Realität. Es gibt auch Yoga-Methoden, durch die man sich unsichtbar machen kann. Ihr könntet zur Bank gehen und niemand würde euch sehen!

Vielleicht denkt ihr, diese Yoga-Methode von Chenrezig sei eine mindere Praxis, aber das ist sie keinesfalls. Sie ist eine universelle Methode. Der Buddhismus ist in der Tat ein universelles Thema. Ihr könntet in einem Leben niemals all das lernen, was es zu wissen gibt.

Ihr erwerbt auch die Qualifikation, um eine andere Praxis namens chu-len, auf Deutsch „die Essenz aufnehmen“, auszuführen. Ihr könnt dann von Pillen leben, die die Essenz von Blumen und Mineralien enthalten, sowie von der Essenz von Steinen oder auch nur von Wasser – ihr braucht keine andere Nahrung mehr.

Es gibt Meditierende im Himalaja, die jetzt so leben. Als die Chinesen Tibet besetzten, verschwanden beispielsweise viele Meditierende einfach in die Berge, um wie die wilden Tiere zu leben. Dabei wird der Körper erst einmal sehr dünn, aber schließlich wird man sehr gesund. Der Körper wird unglaublich leicht, so als könnte man fliegen. Die Konzentration während der Meditation wird vollkommen. Wenn ihr versucht, nach dem Essen zu meditieren, ist der Geist sehr unklar, nicht wahr? Doch wenn der Magen leer ist, ist die geistige Energie unermesslich.

Eine andere Praxis ist das so genannte kang gyog; kang bedeutet „Füße“ und gyog bedeutet „schnell“. Mithilfe dieser Methode kann man unglaublich schnell laufen, fast so schnell, als würde man fliegen. Oder ihr könnt lernen, den Geist anderer Menschen durch Mantras zu kontrollieren; ihr könnt sie dann dazu bringen zu tun, was ihr wollt, selbst gegen ihren Willen. Es gibt in Indien und Nepal auch heutzutage Leute, die solche Kräfte benutzen, allerdings tun sie es aus Eigennutz und so ist es keinesfalls positiv, es kann sogar gefährlich sein.

Es ist auch möglich, andere aufgrund von höheren Beweggründen durch übernatürliche Kräfte oder mit Mantras zu töten. Im Vinaya werde viele Tötungsmethoden erwähnt. In Buddhas Erklärungen zum Gelübde nicht zu töten werden alle diese unterschiedlichen Methoden erwähnt. Ihr habt alle Milarepas Biographie gelesen, also wisst ihr über Magie Bescheid. Milarepas Mutter hasste einige Mitglieder ihrer Familie, die ihr geschadet hatten, und stiftete ihren Sohn an, diese mittels Magie umzubringen.

Ihr könnt auch das Wetter, die Elemente beherrschen. Als wir im Flüchtlingslager in West-Bengalen waren, gab es im Sommer immer sehr viel Regen. Der für unser Lager zuständige Beamte hörte, dass wir solche Dinge beeinflussen können, und bat uns deshalb, den Regen anzuhalten. Ich glaube, er dachte: „Was machen diese Leute? Sie sitzen hier und meditieren? So können sie wenigstens einmal etwas Nützliches tun.“ Wir machten die entsprechende Meditation, und der Regen hörte auf. Als sie dann wieder Regen brauchten, baten sie uns um Hilfe, und es begann wieder zu regnen. Er war sehr zufrieden.

Solche Fähigkeiten sind nichts Ungewöhnliches; in Tibet gab es überall Menschen, die solche Kräfte besaßen. So hatte beispielsweise jedes Dorf seinen Wettermacher, der Regen stoppen konnte. Es gibt noch eine andere Methode: Man verstreut besondere, gesegnete Substanzen rings um den eigenen Hof, das eigene Grundstück – dann wird genau dieses Gebiet vom Regen verschont.

All das zeigt, die Kraft des Geistes. Das Potential der Menschen ist unermesslich groß.

Eure Weisheit ist euer Guru

Wir haben solche festgefahrenen Vorstellungen über uns selbst: „Ich habe dieses und jenes getan, deshalb bin ich schuldig.“ Diese Fantasien werden befreit, indem die kraftvolle, göttliche, strahlende Essenz des Guru, der sich in Licht verwandelt hat, in uns einsinkt. Unsere Philosophiererei, unsere vielen Konzepte, unsere Halluzinationen darüber, wer wir zu sein glauben, werden in einem Augenblick zunichte gemacht. Wenn Eisen und Feuer zusammenkommen, verschmelzen sie vollkommen: Eisen wird Feuer und Feuer wird Eisen. Man kann sie nicht mehr trennen. So ist es auch wenn das kraftvolle göttliche Weisheitslicht kommt: Es verbrennt alle unsere Projektionen von uns selbst.

Ihr malt euch aus, wer ihr seid: Aber das ist nur ein Trugbild, das ganz und gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Euer Geist ist so beschränkt: Ihr denkt, ihr wäret dieses oder jenes – aber euer Selbstbild basiert einzig und allein auf euren früheren Erfahrungen. Ihr seid euch der Gegenwart überhaupt nicht bewusst, selbst wenn eure Augen weit offen sind.

Wir haben die Tendenz, alles entweder zu übertreiben oder zu untertreiben; die Wirklichkeit nehmen wir nicht wahr. Es ist kaum zu glauben. Wenn wir die Dinge wichtiger, attraktiver, schöner machen als sie wirklich sind, dann erscheinen sie uns zwar genau so, aber das ist ja nur die Projektion unseres Geistes, der uns ein Trugbild vorgaukelt.

Stellt euch vor, ihr hättet mit irgendeinem fantastischen Projekt zu tun, aber jemand würde euer Tun als falsch bezeichnen. Werden euch eure festen Vorstellungen nicht dazu bringen, euch furchtbar aufzuregen? Doch ganz gleich, was ihr tut, wenn ihr versteht, dass alles – Subjekt, Objekt, die Umgebung, eure Zukunftspläne – Trugbilder sind, seid ihr frei. Wenn euch dann jemand sagt, dass ihr falsch handelt, könnt ihr es akzeptieren, weil ihr flexibel seid und keine festgefügten Ideen habt. Ihr könnt einfach sagen: „Ja, ich habe mich geirrt.“

Unser Ego dagegen denkt immer: „Ich habe recht.“ Wir bauen unser Ego-Mandala, indem wir einen Einbildungsbaustein auf den anderen setzen. Schließlich sagen wir: „Das ist meine Fantasie! Sie ist vollkommen!“ Aber ihr habt etwas aufgebaut, was nur auf Ideen basiert und nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Und sobald es solche festen Vorstellungen gibt, gibt es auch Angst und Paranoia. Ihr macht euch solche Sorgen darüber, was andere Leute denken könnten. „Vielleicht findet er es hübsch; vielleicht findet sie es nicht hübsch.“ Sobald es Täuschungen gibt, kommt auch: „Vielleicht dieses, vielleicht jenes.“ Selbst wenn jemand gar nichts über euch denkt, macht ihr euch trotzdem Gedanken darüber, was er denken könnte.

Vielleicht haltet ihr etwas für fantastisch, aber für jemand anderen hat die gleiche Sache keinerlei Wert: „Er denkt, ich sei ein Niemand.“ Ihr fühlt euch verletzt, wenn es den anderen egal ist. Lächerlich! Wenn ihr wisst, dass ihr ein Niemand seid, dann seid ihr ein Niemand, also braucht ihr euch keine Sorgen darüber machen. Genießt, was ihr tut und akzeptiert, wer ihr seid!

All das entsteht durch unsere Täuschungen, unsere festen Vorstellungen. Wir halluzinieren diese unglaubliche Traumwelt. Es ist mehr als nur eine Traumwelt! Hier geht es nicht um eine Glaubensfrage, sondern um die Wirklichkeit. So sind wir. Ihr könnt das allen Menschen erklären, ob sie nun Gläubige sind oder nicht.

Erkennt ihr erst einmal diese verunreinigte Art die Dinge zu sehen, dann könnt ihr euch befreien. Dann verliert ihr die Furcht davor, was die Leute von euch denken könnten. Die Psychologie des Buddhismus ist die tiefschürfendste Therapie. Werdet ihr zu euch selbst, so lernt ihr eure gesamte Energie kennen. Welches Bild ihr auch von euch habt – es löst sich in Licht auf, wenn es von der kraftvollen höchsten Energie des Guru berührt wird, der in euch sinkt. Nun erfahrt ihr vollkommene Einheit.

Verweilt beim Meditieren in dieser Einheitserfahrung, solange ihr möchtet; sie ist ein unglaublich kraftvolles Gegenmittel zu dem festgefahrenen Bild, das ihr euch von euch selbst gemacht habt, zu all den falschen Vorstellungen. Vielleicht bleibt ihr eines Tages in dieser Erfahrung und am nächsten Tag werdet ihr zu Chenrezig!

Meistens entstehen eure Probleme daraus, dass ihr irgendwelche Fantasien geschaffen habt. Ihr haltet sie für die Wirklichkeit, und wenn die Dinge schiefgehen, macht ihr die Situation dafür verantwortlich. Ihr seid zu wenig flexibel. Diese Praxis aber hat solch eine befreiende Wirkung: Ihr könnt dann frei kommunizieren, frei kommen und gehen, frei schlafen, frei essen und trinken. Es ist wirklich revolutionär. Und diese Praxis schadet euch niemals; sie ist von glückseliger Natur, so weich, so friedlich und befreiend.

 Manchmal wisst ihr nicht, wem ihr glauben sollt. Jemand sagt: „Das ist richtig“ und ein anderer sagt: „Nein, das ist richtig.“ Aber immer wenn ihr Guruyoga praktiziert, solltet ihr euch vor Augen führen, dass eure eigene Weisheit eure Richtschnur ist. „Die Weisheit ist mein Guru“, solltet ihr euch sagen. Wenn wir uns immer auf jemand anderen verlassen, sobald wir Probleme psychischer Natur haben, bleiben wir schwach. Das Wort „Guru“ muss sich nicht immer auf etwas Körperliches beziehen. Es gibt den relativen Guru und den absoluten Guru. „Relativer Guru“ bezieht sich auf eine äußere Person, doch euere eigene Weisheit ist der eigentliche Guru. Wenn wir sagen „der Guru ist Buddha, der Guru ist Dharma, der Guru ist Sangha“, so bezieht sich das nicht notwendigerweise auf etwas Äußeres.

Der Guru kann noch so viel reden, doch die Unterweisung bleibt solange ineffektiv, wie eure Weisheit nicht funktioniert. Funktioniert eure Weisheit dagegen, so seid ihr befreit. Vielleicht fragt euch jemand: „Wer ist dein Guru?“, und du antwortest „Meine eigene kleine Weisheit ist mein Guru, sie führt mich auf ganz einfache Weise.“ Ihr nehmt Zuflucht zu eurem Baby-Guru. Jedes Mal, wenn ihr über das Guruyoga meditiert, nehmt ihr Zuflucht zum Guru. Meine Weisheit führt mich, sie erklärt mir meine gesamte Natur. Das ist mein Guru.

Die Übung, bei der wir den Guru in uns aufnehmen, ist also unglaublich wirkungsvoll. Vielleicht brauchen wir etwas Zeit, bis sie ihre volle Wirkung entfaltet, aber es lohnt sich auf jeden Fall. Das kraftvolle universelle Licht, das die gesamte universelle Energie umfasst, kommt durch euren Zentralkanal. Da alle Energien eures Körpers miteinander in Verbindung stehen, wird dadurch alles gereinigt und eine Erfahrung von Ganzheit stellt sich ein – Dunkelheit, schlechtes Erinnerungsvermögen und dergleichen werden vollkommen bereinigt. Wenn die Lichtenergie eure Kehle erreicht, reinigt sie die unreine Sprache und bringt unzerstörbare Kraft und Kontrolle. Wenn sie das Herz erreicht, erfahrt ihr die Einheit des Geistes, die Ganzheit, wie der unendliche blaue Himmel.

Das strahlende Licht ist wie die erhabene Weisheit und hat daher die Kraft, alle unreine Energie zu verbrennen. Alle eure Vorstellungen, eure Interpretationen werden vom Weisheitsfeuer verzehrt. Ihr fühlt euch im psychologischen Sinne rein.

Danach übt ihr, schrittweise zu Chenrezig zu werden. Fragt nicht: „Wie soll ich zu Chenrezig werden? Wird meine Nase zu Chenrezig? Mein Ohr?“ Ich habe das nun schon einige Male erklärt, denn dieser Punkt ist für den westlichen Geist schwer zu begreifen. Studiert diesen Punkt, analysiert ihn. Wenn ihr den Guru vollkommen in euch aufnehmt, erfahrt ihr eure eigene Weisheitsenergie, eure eigene Ganzheit.

 

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