Lama Zopa Rinpoche
Mitgefühl

Heilkraft für Geist und Körper

Hardcover, 300 Seiten
Euro 20; sFr 36,10
ISBN 3-9807572-0-X

 

Erkrankt ein Mensch, so beeinflusst seine geistige Einstellung entscheidend den Verlauf des Heilungsprozesses — diese Tatsache wird in letzter Zeit auch von der westlichen Medizin zunehmend anerkannt. Der buddhistische Meister Zopa Rinpoche, der sich seit Jahren der Arbeit mit Schwerkranken widmet, erklärt im ersten Teil dieses Buches, welche inneren Haltungen die Heilung fördern und wie es gelingen kann, auch in schwierigsten Situationen nicht den Mut zu verlieren. Im zweiten Teil beschreibt er die Heilmeditationen und -rituale, die sich für westliche Menschen als hilfreich erwiesen haben.

Auszug aus „Mitgefühl – Heilkraft für Geist und Körper“ von Lama Zopa Rinpoche

1 Die heilende Kraft des Geistes

Die Natur des Geistes

Da Heilung im Grunde in unserem Geist entsteht, nicht in unserem Körper, kommt es darauf an, die Natur des Geistes zu verstehen. Dessen wahre Natur ist rein in dem Sinne, dass sie nicht eins ist mit seinen Mängeln, mit seinen Verblendungen und Schleiern. Alle Mängel unseres Geistes – Selbstsucht, Unwissenheit, Zorn, Anhaftung, Schuldgefühle und andere verstörende Empfindungen – sind vergänglich, nicht permanent und dauerhaft. Und da die Ursachen unseres Leidens, unsere Verblendungen und Geistesschleier, vergänglich sind, ist auch unser Leiden vergänglich.

Der Geist ist aber auch leer von wahrer Existenz; er existiert nicht aus sich selbst heraus. Durch diese Eigenschaft des Geistes, seine Buddha-Natur, besitzen wir das Potential, uns vollständig von allem Leiden – also auch von Krankheiten – und dessen Ursachen zu befreien und all das Glück zu erreichen, das wir uns wünschen, also auch das unvergleichliche Glück der Erleuchtung. Da der Geist ein solches Potential besitzt, brauchen wir uns nicht deprimiert oder hoffnungslos fühlen, weil es keineswegs so ist, als müssten wir für immer und ewig auf Probleme stoßen. Wir haben eine unglaubliche Freiheit, unseren Geist auf jede Art und Weise zu entwickeln, die wir uns wünschen. Es geht nur darum, den richtigen Weg zu finden, um das Potential unseres Geistes nutzen zu können.

Geist und Körper sind zwei unterschiedliche Phänomene. Der Geist ist eine Instanz, die klar ist und Objekte wahrnimmt. Wie die Dinge von einem Spiegel reflektiert werden, so erscheinen sie auch klar im Geist, der fähig ist, sie zu erkennen. Während der Körper stofflicher Natur ist, ist der Geist formlos, ohne Farbe und Form; während der Körper nach dem Tod zerfällt, wandert der Geist von Leben zu Leben. Nicht selten hört man von Menschen im Osten wie im Westen, die sich an vergangene Leben erinnern und zukünftige Leben vorhersehen können, nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen. Manche werden mit dieser Fähigkeit geboren, andere entwickeln sie durch Meditation. Manche Menschen können sich an Leben erinnern, die Hunderte oder gar Tausende von Jahren zurückliegen. Als Lama Yeshe, mein Lehrer über viele Jahre, die Pyramiden Ägyptens besuchte, konnte er sich daran erinnern, dass er dort ein früheres Leben verbracht hatte.

Zwar glauben viele Menschen nicht an vergangene und zukünftige Leben, aber bisher hat noch niemand tatsächlich beweisen können, dass sie nicht existieren. Dagegen ist vielen Menschen klar geworden, dass sie früher schon gelebt haben, weil sie sich ganz deutlich daran erinnern, so wie wir uns daran erinnern, was wir gestern getan haben. Sie erkennen die Wahrheit der Wiedergeburt, weil sie die geistige Fähigkeit besitzen, vergangene und zukünftige Leben zu sehen.

Das Wissen um die Natur des Geistes ist wichtiger, aber auch komplexer als das Wissen um die Natur der äußeren Erscheinungen. Begreifen wir die Natur des Geistes nicht, so ist es uns unmöglich, die gewöhnliche und absolute Natur anderer Erscheinungen richtig zu verstehen. Selbst aus weltlicher Sicht ist es nur durch ein Verständnis des Geistes möglich, genau zu definieren und zu begreifen, wie die äußeren Erscheinungen existieren.

Unseren Geist kennen zu lernen, ist also die praktische Lösung für unsere Probleme. Zuerst müssen wir die Wurzel unserer Probleme identifizieren, denn nur dann ist es uns möglich, ihnen Einhalt zu gebieten und dafür zu sorgen, dass wir sie nie wieder erleben. Außerdem müssen wir das ganze Ausmaß unserer Probleme erkennen – darüber später mehr –, denn wenn wir sie nur teilweise sehen, ist unsere Vorstellung der Befreiung von ihnen ebenfalls nur begrenzt.

Die Heilung des Geistes

Es ist von entscheidender Bedeutung, unseren Geist zu heilen, weil unsere Probleme, die ohne Anfang sind, sonst endlos werden. Wir können zwar auf Medikamente oder andere äußere Mittel zurückgreifen, um eine bestimmte Krankheit zu heilen, doch diese wird wiederkommen, wenn wir nicht auch unseren Geist heilen. Unternehmen wir nichts, um ihn zu heilen, bleibt immer die Gefahr bestehen, dass wir die Ursache der Krankheit von Neuem erschaffen, indem wir die Handlungen wiederholen, die uns physisch krank gemacht haben. Dann werden wir in zukünftigen Leben oder sogar schon in diesem Leben erneut unter derselben Krankheit leiden.

Krankheiten mithilfe äußerer Mittel zu heilen, ist nicht die beste Lösung, weil die Ursache von Krankheiten nicht außerhalb von uns liegt, sondern in unserem Geist. Zwar können Faktoren wie Bakterien, Viren und Geister die äußeren Bedingungen für das Entstehen einer Erkrankung darstellen, doch an sich hat diese keine äußeren Ursachen. Im Westen werden die äußeren Faktoren, die die Bedingungen für eine bestimmte Erkrankung darstellen, meist für ihre Ursache gehalten. Doch ist die Ursache einer Erkrankung nicht äußerlich, sie liegt im Geist – man könnte auch sagen: sie ist der Geist. Krankheiten werden von unserer Eigenliebe, unserer Unwissenheit, unserem Zorn, unserer Anhaftung und anderen Verblendungen verursacht und von den negativen Handlungen, die von diesen negativen Gedanken ausgelöst werden. Unsere negativen Gedanken und Handlungen hinterlassen Eindrücke in unserem Geist, die sich dann in Form von Krankheiten oder anderen Problemen manifestieren. Dieselben Eindrücke führen auch dazu, dass Verblendungen und negative Handlungen erneut entstehen.

Natürlich hat ein physisches Symptom eine physische Ursache, doch diese physische Ursache entsteht wegen einer inneren Ursache, also wegen der Eindrücke, die negative Gedanken und Handlungen in unserem Geist hinterlassen haben. Um Erkrankungen ganz zu verstehen, müssen wir diese innere Ursache begreifen, die die tatsächliche Ursache der Erkrankung darstellt und außerdem deren physische Bedingungen hervorbringt. Solange wir die innere Ursache einer Erkrankung ignorieren, haben wir kein echtes Heilmittel dafür. Bevor wir eine Erkrankung heilen können, müssen wir uns also mit ihrer Entwicklung beschäftigen und erkennen, dass ihre Ursache im Geist liegt. Sobald wir das begriffen haben, werden wir automatisch zu der Erkenntnis gelangen, dass auch die Heilung der Erkrankung aus dem Geist kommen muss.

Was ich beschrieben habe, stimmt nicht nur mit den buddhistischen Lehren überein, sondern auch mit unserer eigenen Lebenserfahrung. Schließlich hat auch die westliche Wissenschaft demonstriert, dass die Gesundheit eines Menschen sehr viel damit zu tun hat, mit welcher Einstellung er an sein tägliches Leben herangeht und ob er die Fähigkeit hat, eine positive Geisteshaltung zu bewahren. Zum Beispiel hat Fritjof Capra für sein Buch Das neue Denken mit namhaften Ärzten und Psychologen über die Ursachen von Krebserkrankungen gesprochen. Aufgrund ihrer Forschungen waren seine Gesprächspartner zu dem Schluss gekommen, dass Krebs durch die negative Haltung der Menschen entsteht, die daran erkranken, und dass er geheilt werden kann, indem man eine positive Haltung erzeugt.(3) Diese wissenschaftliche Perspektive steht der Philosophie der buddhistischen Lehren sehr nahe.

Probleme sind Geschöpfe des Geistes. Befindet sich in unserem Geist die Ursache eines Problems und reinigen wir sie nicht, dann wird sich das Problem mit Sicherheit daraus manifestieren. Existiert die innere Ursache eines Problems, dann gilt das auch für seine äußeren Bedingungen, weil diese von der inneren Ursache erschaffen werden. Anders gesagt, kommen äußere Hindernisse von inneren Hindernissen. Selbst die äußeren Bedingungen für ein Problem werden von unserem Geist geschaffen. Äußere Faktoren werden zu den Bedingungen eines Problems, weil in unserem Geist eine innere Ursache existiert. Gibt es keine innere Ursache, so können die äußeren Faktoren auch dann nicht zu Bedingungen des Problems werden, wenn sie vorhanden sind. Ohne ein inneres Hindernis gibt es kein äußeres Hindernis.

Denken wir zum Beispiel an Hautkrebs. Im Allgemeinen nimmt man an, Hautkrebs werde durch zu langes Sonnenbaden verursacht. Wäre Sonnenlicht aber die Hauptursache von Hautkrebs, würden ihn alle bekommen, die ausgiebig in der Sonne liegen. Die Tatsache, dass nicht alle Menschen, die das tun, Hautkrebs bekommen, beweist, dass Sonnenlicht nicht die Hauptursache dieser Krankheit ist. Ungeschützt der Sonne ausgesetzt zu sein, ist eine Bedingung für Hautkrebs, nicht seine Hauptursache, denn diese ist innerer, nicht äußerer Natur. Die Hauptursache für Hautkrebs ist der Geist.

Weil manche Menschen die Ursache von Hautkrebs in ihrem Geist tragen, werden Sonnenbäder für sie zu einer Bedingung für die Entstehung dieser Krankheit. Bei Menschen, in denen keine innere Ursache für Hautkrebs vorhanden ist, wird der äußere Faktor des Sonnenbadens hingegen nicht zu einer solchen Bedingung.

Wie schon gesagt, ist die Wurzel unserer Probleme nicht außerhalb, sondern innerhalb unseres Geistes. Sie besteht in unserer ungeschickten Denkweise. Wir müssen die richtige Denkweise erkennen, die uns Glück bringt, und die falsche Denkweise, die zu Problemen führt. Mit der einen Denkweise haben wir Probleme im Leben, mit der anderen keine. Anders gesagt, entstehen Glück und Leiden in unserem eigenen Geist. Unser Geist erschafft unser Leben.

Meditation als Heilmittel

Während äußere Medizin eingenommen werden kann, um eine physische Erkrankung zu heilen, müssen wir innere Medizin einnehmen, um die Ursache dieser Erkrankung zu heilen und dafür zu sorgen, dass wir nie wieder unter Krankheiten leiden. Was ist diese innere Medizin? Die Meditation. Meditieren bedeutet, unseren eigenen Geist und unsere positive Haltung einzusetzen, um uns zu heilen. Dabei sollten wir unsere Definition von Heilung nicht auf die Genesung von einer bestimmten Krankheit beschränken, sondern sie auf die Heilung aller Probleme und deren Ursachen ausdehnen. Da Krankheiten und all unsere anderen Probleme von negativen Eindrücken in unserem Geist verursacht werden, muss auch die Heilung von den Ursachen unserer Probleme aus unserem Geist kommen. "Meditation" ist einfach eine Bezeichnung für das, was wir mit unserem Geist tun. Sie ist die beste Behandlung, weil sie keine Nebenwirkungen hat.

Da Glück und Leiden aus unserem Geist stammen, ist Meditation der Schlüssel zur Heilung, weil sie die einzige Möglichkeit darstellt, den Ursachen des Leidens Einhalt zu gebieten und die Ursachen des Glücks hervorzubringen. Durch irgendwelche äußeren Mittel können wir das nicht erreichen, sondern nur durch unseren Geist. Womöglich können Medikamente oder eine einfache Visualisierung eine bestimmte Krankheit heilen, aber um den Geist zu heilen, reichen solche Methoden nicht aus. Krankheiten und ihre Ursachen können ausschließlich durch Meditation geheilt werden.

Bei der Meditation setzten wir unsere positive Haltung als innere Medizin ein, um unseren Geist zu heilen und dadurch die Ursachen all unserer Probleme zu beseitigen. Um diesen Heilungsprozess erfolgreich durchzuführen, müssen wir die guten Eigenschaften unseres Geistes entwickeln. Manche Denkweisen sind friedvoll und heilsam, andere sind störend und schädlich. Krankheiten und alle anderen Probleme in unserem Leben werden von einem unheilsamen Geist und dessen Verblendungen verursacht. Ein unheilsamer Geist manifestiert sich in jeder geistigen Handlung, die uns beeinträchtigt und unglücklich macht, und ein kranker Körper entsteht durch einen unheilsamen Geist.

Meditation heilt nicht nur Krankheiten, sie bringt dem Geist auch großen Frieden, denn das ist das Wesen positiver Gedanken; sie machen uns ruhig und entspannt. Was die Heilung betrifft, sind die besten positiven Gedanken, die wir entwickeln können, liebende Güte und Mitgefühl. Liebende Güte ist der Wunsch, dass andere Glück und die Ursachen von Glück erleben mögen; große liebende Güte besteht darin, die Verantwortung auf uns zu nehmen, anderen Glück und seine Ursachen zu bringen. Mitgefühl ist der Wunsch, dass andere frei von Leid und den Ursachen von Leid sein mögen; großes Mitgefühl besteht darin, die Verantwortung auf uns zu nehmen, andere vom Leiden und dessen Ursachen zu befreien. Diese positiven Haltungen zu erzeugen, kann Krankheiten heilen.

Mitgefühl heilt am allerbesten. Die kraftvollste Heilung entsteht, indem wir Mitgefühl für alle anderen fühlenden Wesen entwickeln, ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität, ihrer Religion und ihrer Beziehung zu uns. Wir müssen Mitgefühl für alle Lebewesen empfinden, denn jedes dieser Wesen wünscht sich Glück und will nicht leiden. Wir sollten sogar nicht nur Mitgefühl entwickeln, also den Wunsch, alle Wesen vom Leiden zu befreien, sondern großes Mitgefühl, indem wir die Verantwortung auf uns nehmen, das zu tun. Das bewirkt eine tiefe und kraftvolle Heilung.

Liebevolle und mitfühlende Gedanken sind von ihrem Wesen her friedvoll und gesund und damit ganz anders als Unwissenheit, Zorn, Anhaftung, Stolz und Eifersucht. Obgleich ein mitfühlender Mensch echte Anteilnahme verspürt und es unerträglich findet, dass andere Wesen leiden, ist das Wesen seines Geistes im Grunde dennoch friedvoll.

Ein übel wollender Geist hingegen, der den Wunsch verspürt, anderen zu schaden, ist nicht ruhig; er ist wie ein scharfer Stachel, den wir im Herzen haben. Anhaftung verursacht ihre eigene Art von Schmerzen; wir empfinden ein enges, drückendes und sehr schmerzhaftes Gefühl, wenn wir uns vom Objekt unserer Sehnsucht trennen müssen. Außerdem verdüstert Anhaftung den Geist und lässt eine Mauer zwischen uns und der Realität entstehen. Hängen wir sehr an einer bestimmten Person oder auch nur einem bestimmten Tier, können wir weder die Realität des Leidens dieses Wesens erkennen noch von Herzen Mitgefühl für es empfinden, weil die Anhaftung unseren Geist verdüstert. Sie lässt uns keinen Raum, Mitgefühl zu empfinden. Selbst wenn wir dem betreffenden Wesen helfen, erwarten wir immer, etwas dafür zu bekommen. Wir helfen dann nicht einfach, weil jemand krank oder in Gefahr ist, sondern mit der Erwartung, dass er oder sie uns in der Zukunft irgendwie dafür belohnen wird.

Ist unser Geist von Anhaftung erfüllt, haben wir es also schwer, Mitgefühl zu empfinden. Bei genauerem Hinsehen werden wir feststellen, dass wir uns nur um unsere eigenen Wünsche kümmern, wenn wir von starker Anhaftung überwältigt sind. Selbst wenn wir anderen helfen, tun wir das nur, weil wir eine Belohnung dafür wollen. Dadurch ist unser Geist sehr unruhig und sehr verdüstert. Wir können nicht mehr erkennen, dass die Person, gegenüber der wir starke Anhaftung empfinden, mindestens so wichtig ist wie wir selbst; wir können sie nicht wertschätzen und ihr aufrichtig Hilfe anbieten.

Heilen wir unseren Geist jedoch mit großem Mitgefühl, werden wir in der Lage sein, all unsere eigenen Probleme und die anderer zu lösen. Das positive Denken des Mitgefühls hilft uns nicht nur dabei, von Krankheiten zu genesen, es bringt uns auch Frieden, Glück und Zufriedenheit. Es versetzt uns in die Lage, das Leben zu genießen. Auch unserer Familie, unseren Freunden und den anderen Menschen um uns bringt es Friede und Glück. Weil wir ihnen nicht mit negativen Gedanken entgegentreten, fühlen sich die Menschen, ja selbst die Tiere, mit denen wir umgehen, wohl. Besitzen wir liebende Güte und Mitgefühl, wird unsere größte Sorge immer darin bestehen, anderen keinen Schaden zuzufügen, und das ist an sich schon heilend. Mitfühlende Menschen besitzen große Kraft zu heilen, und zwar nicht nur ihre eigenen Krankheiten und andere Probleme, sondern auch die von anderen. Ein Mensch voll liebender Güte und Mitgefühl heilt andere einfach dadurch, dass er existiert.

Endgültige Heilung

Jedes Mal, wenn wir über Mitgefühl für alle Lebewesen meditieren, sammeln wir grenzenloses Verdienst an, die Ursache allen Glücks und Erfolgs; jedes Mal, wenn wir Meditation zum Wohle aller Lebewesen praktizieren, führen wir die höchste Heilung durch.

Unser Mitgefühl zu stärken, hilft uns auch dabei, Weisheit zu entwickeln, besonders die Weisheit, die die Leerheit erkennt und damit die grundlegende Natur des Ich, des Geistes und aller anderen Phänomene. Diese Weisheit löst allmählich die Wolken der Verblendungen auf, die den Geist vorübergehend verdüstern, bis dieser so rein wird wie ein klarer blauer Himmel, den Sonnenlicht durchströmt. So reinigt diese Weisheit den Geist ganz direkt. Sie befreit ihn von Unwissenheit, Zorn, Anhaftung und allen anderen Verblendungen, von den Keimen dieser Verblendungen und selbst von den Eindrücken, die sie hinterlassen haben. Alle Verblendungen, selbst die ganz subtilen, werden durch diese Weisheit vollständig gereinigt.

Sind Mitgefühl und Weisheit voll entwickelt, wird der Geist vollkommen frei von groben und subtilen Schleiern. Damit ist er allwissend. Ein allwissender Geist ist in der Lage, direkt die gesamte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sehen; er kann die geistige Entwicklung aller fühlenden Wesen erkennen und die passenden Methoden, die sie von ihren Problemen befreien und ihnen Glück bringen können, darunter auch das höchste Glück der vollständigen Erleuchtung.

Im Augenblick ist unser Wissen jedoch sehr begrenzt. Schon um unseren Gesundheitszustand zu bestimmen, müssen wir auf Ärzte, Geräte und Blutuntersuchungen zurückgreifen. Selbst auf dem begrenzten Gebiet der medizinischen Behandlung können wir die Probleme anderer Wesen, ihre Ursachen und die passenden Lösungen nicht begreifen. Unser Verständnis ist ebenso stark begrenzt wie unsere Fähigkeit, anderen zu helfen. Auch unsere Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken, ist sehr begrenzt. Nicht nur, dass wir nicht wissen, was im nächsten Leben geschehen wird; wir wissen auch nicht, was im kommenden Jahr, im kommenden Monat, in der kommenden Woche oder auch nur morgen geschehen wird.

Es liegt an unseren Geistesschleiern, dass die Kraft unseres Körpers, unserer Rede und unseres Geistes so stark begrenzt ist. Befreien wir jedoch unser geistiges Kontinuum von allen groben und subtilen Schleiern, hat unsere Kraft keine Grenzen mehr. Nicht nur ist unser Geist dann in der Lage, direkt die gesamte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sehen, er kann auch alles durchdringen. Ohne jeden Widerstand ist er fähig, zu jedem Objekt zu wandern, an das wir denken. Ist unser Geist vollständig erleuchtet, also frei von allen groben und subtilen Schleiern, dann sind wir auch vollständig frei von den groben Aspekten von Geist und Körper. Nichts begrenzt uns mehr; das ist die endgültige Heilung.

Geht die Sonne auf, so wird diese eine Sonne spontan überall reflektiert. Sie spiegelt sich in jeder unbedeckten Wasserfläche der Erde, in jedem Ozean, jedem Fluss, jedem See, ja jedem Tautropfen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem allwissenden Geist: da alle groben und subtilen Schleier beseitigt sind, durchdringt er auf natürliche Weise alles. Reift die positive Prägung eines Lebewesens heran, kann der allwissende Geist sich sofort in einer Form manifestieren, die dem Entwicklungszustand dieses Wesens entspricht. Besitzt es einen reinen Geist, manifestiert er sich in einer reinen Form, um es zu leiten; besitzt es einen unreinen Geist, manifestiert er sich in einer unreinen Form. Weil der allwissende Geist alles, was existiert, zu allen Zeiten sehen kann, manifestiert er sich sofort, wenn eine positive Prägung im Geist eines Wesens heranreift. Dann kann er dazu beitragen, dieses Wesen von einem Glück zum anderen zu führen bis zum unvergleichlichen Glück der vollständigen Erleuchtung. Das ist die Bedeutung vollkommener Kraft.

Wissen und Kraft allein genügen jedoch nicht, wir brauchen auch Mitgefühl. Auch wenn ein allwissender Geist alles sieht, so ist das wichtigste Hilfsmittel der Lebewesen doch das Mitgefühl. Selbst wenn jemand sehr viel weiß, bedeutet das nicht unbedingt, dass er sein Wissen benutzt, um anderen zu helfen. Verspürt man kein Mitgefühl, können einen Wissen und Macht sogar daran hindern, anderen zu helfen. Selbst wenn jemand in einer solchen Lage weiß, wie er euch helfen kann und auch die Kraft dazu hätte, wird er euch möglicherweise auch dann nicht helfen, wenn ihr ihn darum bittet. Jemand mit Mitgefühl hingegen wird euch immer helfen, wenn ihr ihn um Hilfe bittet.

Es ist das Mitgefühl, das uns dabei hilft, unsere Weisheit und unsere Kraft zu vervollkommnen. Das Mitgefühl drängt uns, unseren Geist zum Wohle anderer zu entwickeln. Wir müssen Mitgefühl erzeugen und vervollkommnen, müssen Mitgefühl auf alle Lebewesen ausdehnen, um alle anderen positiven Eigenschaften entwickeln zu können. Sind unser Mitgefühl, unser Wissen und unsere Kraft vollkommen, so können wir anderen wirklich helfen.

Diese Umwandlung des Geistes ist die höchste Heilung. Doch ganz gleich, was ich sage, muss die eigentliche Heilung aus euch heraus, aus eurem eigenen Geist kommen. Sie entsteht durch Meditation, durch eure positiven Gedanken, also im Grunde durch eure eigene Weisheit und euer eigenes Mitgefühl. Durch die Meditation über Leerheit und über liebende Güte und Mitgefühl braucht ihr schließlich keine Heilung mehr. Durch diese höchste Heilung werdet ihr nie wieder Krankheit erleben müssen.

2 Erfolgreich heilen

Immer häufiger erholen sich Menschen durch Meditation von Krebs und anderen Krankheiten. Inzwischen ist diese Methode sogar fast so verbreitet wie die herkömmliche medizinische Behandlung. Da manche Krankheiten medizinisch nur schwer oder gar nicht zu behandeln sind, experimentieren viele Menschen mit verschiedenen Heilmethoden, bei denen meist die Kraft des Geistes zur Anwendung kommt. Wie schon gesagt, ist Meditation die beste Methode, um uns von Krankheiten zu heilen, indem wir unseren Geist benutzen. Wir werden dann zu unserem eigenen Arzt, unserem eigenen Psychologen, unserem eigenen Guru.

Auf den folgenden Seiten möchte ich über ein paar persönliche Begegnungen mit Menschen berichten, die sich durch Meditation selbst geheilt haben. Nach meiner Erfahrung erzielen alle, die ernsthaft versuchen, Meditation zu praktizieren, irgendein positives Ergebnis; wenn sie nicht geheilt werden, leben sie zumindest länger. Das liegt daran, dass unsere Gesundheit mit unserem Geist, unserer Denkweise zu tun hat.

Alice(4)

Mein allererstes Erlebnis mit einer Krebserkrankung, die durch Meditation geheilt wurde, verbindet sich mit Alice, einer erfolgreichen Modeberaterin. Als Alice erfuhr, dass sie Krebs hatte, nahm sie über eine Freundin, die Schülerin im Vajrapani Institute in Kalifornien war, Kontakt mit mir auf und bat mich, ihr eine geeignete Meditationspraxis zu empfehlen. Ich schlug ihr vor, über Vajrapani zu meditieren, einen zornvollen Aspekt des Buddha, der bei der Heilung von Krebserkrankungen sehr wirksam sein kann. Mein Rat war einfach, Alice solle visualisieren, wie Vajrapani über ihrem Scheitel Nektarstrahlen aussandte, um sie zu reinigen. Außerdem riet ich ihr, Tiere zu kaufen, denen die Tötung drohte, um sie dann an einem sicheren Ort freizulassen und ihnen dadurch ein längeres Leben zu ermöglichen.

Alice lag im Krankenhaus, als sie meinen Rat erhielt, diese beiden einfachen Übungen durchzuführen. Als sie den Ärzten sagte, sie wolle das Krankenhaus verlassen, um meine Anweisungen auszuführen, rieten diese ihr zwar zu bleiben, meinten aber, wenn sie an die Methode wirklich glaube, könne sie gehen. Daraufhin verließ sie das Krankenhaus.

Alice rettete viele Tiere aus Restaurants und von anderen Orten, wo sie getötet worden wären. Obwohl ich ihr lediglich den Rat gegeben hatte, eine ihren Lebensjahren entsprechende Zahl von Tieren zu befreien, tat sie das mit zwei- oder dreitausend Tieren, vor allem Hühnern, Fischen und Würmern. Die Hühner ließ sie auf eine Farm bringen, die Fische setzte sie in offenem Wasser frei. Außerdem kaufte sie zweitausend Würmer, weil diese billig und leicht verfügbar waren, und ließ sie im Garten ihres Hauses frei. Würmer zu befreien ist eine gute Idee, weil sie anschließend gleich in den Boden schlüpfen und dadurch vor vielen Tieren, die sie bedrohen, geschützt sind. So haben sie eine Chance, länger zu leben. Setzt man Tiere in Wäldern, Seen oder im Meer frei, ist es weniger gewiss, dass sie lange leben, weil sie dort viele natürliche Feinde haben.

Als Alice nach Vollendung dieser Übungen wieder ins Krankenhaus ging, um sich untersuchen zu lassen, konnten die Ärzte keinerlei Spur der Krebserkrankung mehr entdecken. Sie waren mehr als erstaunt, denn sie hatten zum ersten Mal erlebt, wie jemand sich durch Meditation von Krebs geheilt hatte. Da sie das für ein faszinierendes neues Phänomen hielten, wollten sie ein Buch über den Fall schreiben, aber Alice sagte ihnen, sie wolle das Buch lieber selber schreiben.

Später kam Alice nach Nepal, um sich persönlich für meine Unterstützung zu bedanken. Sie sagte, ich habe ihr den Rest ihres Lebens als Geschenk überreicht.

Obwohl ihre Krebserkrankung geheilt war, war ich neugierig, ob sie womöglich zurückkehren würde. Deshalb erkundigte ich mich bei Alice ab und zu nach ihrem Gesundheitszustand. Einige Jahre lang ging es ihr gut, aber nach fünf Jahren zog sie sich eine Viruserkrankung zu und der Krebs trat wieder auf den Plan. Sie sagte mir, das sei geschehen, weil ihr Leben sehr chaotisch geworden und außer Kontrolle geraten sei. Lange Zeit habe sie ihre spirituelle Praxis diszipliniert verfolgt, doch dann habe sie damit aufgehört und damit sei viel Verwirrung in ihr Leben getreten. Auch der Krebs war zurückgekehrt.

An der Erfahrung von Alice können wir sehen, dass es wesentlich wichtiger ist, den Geist zu heilen als den Körper. Ihr Krebs kam wieder, weil sie damit aufgehört hatte, zu praktizieren und ihren Geist zu disziplinieren. Sie schützte ihren Geist also nicht mehr, indem sie die Meditationen praktizierte. Bringt man Disziplin in sein Leben, so gilt das auch für den Geist. Der Krebs von Alice verschwand rasch, als sie erneut über Vajrapani meditierte, Tieren das Leben rettete und die acht Mahayana-Gelübde ablegte, die darin bestehen, sich einen Tag lang von acht bestimmten negativen Handlungen fern zu halten.(5) Bei der nächsten Untersuchung sagten die Ärzte, der Krebs sei wieder vollkommen verschwunden. Nach dieser Genesung trat sie mehrfach im Fernsehen auf, um über ihre persönlichen Erfahrungen bei der Heilung von Krebs durch Meditation zu berichten.

Wir können mithilfe der Meditation also von Krankheiten genesen, aber wenn wir unseren Geist nicht schützen, wird wieder Verwirrung in unser Leben treten und dann kehrt auch unser Problem zurück. Erlauben wir unserem Körper einfach, aus Selbstliebe, Anhaftung und anderen Verblendungen heraus zu handeln, bleibt unser Geist ungeschützt, und wir erschaffen die Ursache für die Rückkehr unserer Probleme.

Alan

Ich habe in mehreren weiteren Fällen beobachtet, wie das Leben von Menschen in Verwirrung geriet und wie ihr Gesundheitszustand sich verschlechterte, wenn sie ihre Meditationspraxis abbrachen. Ein Beispiel dafür ist Alan, der vor vielen Jahren an Aids starb. Während er im Chenrezig Institute, einem australischen Meditationszentrum, lebte, verhielt Alan sich sehr diszipliniert und praktizierte die verschiedenen Meditationen, die ich ihm empfohlen hatte. Wahrscheinlich hat man in einer solchen Umgebung kaum eine andere Wahl – es gibt sonst nicht viel zu tun.

Im Zentrum führte Alan also täglich seine Meditationen durch, wobei er sich vor allem auf den Medizinbuddha konzentrierte, aber auch über andere Gottheiten meditierte. Solche Gottheiten und ihre Mantras sind sehr kraftvoll und segensreich, weshalb es ungemein wirksam ist, über sie zu meditieren. Es war deutlich zu sehen, wie die Praxis Alans Geist stärkte und ihn inspirierte. Ist unser Geist glücklich, weil wir meditieren und ein diszipliniertes Leben führen, drückt sich das äußerlich in unserem Körper aus. Anders gesagt, ist die äußere Erscheinung ein Spiegel des Geisteszustands und aufgrund seines gesunden Geistes sah Alan strahlend und entspannt aus. Nach so viel Meditationspraxis schien Alan überhaupt nicht mehr krank zu sein und war in der Lage, bei verschiedenen Arbeiten mitzuhelfen, die im Zentrum anfielen.

Alan blieb immer ein paar Wochen oder Monate im Zentrum, dann kam ihm wieder in den Sinn, er solle in die Stadt zurückkehren, um anderen Aidskranken zu helfen. Problematisch daran war, dass er in der Stadt nie in der Lage war, seine Praxis fortzuführen. Dadurch geriet sein Leben in Verwirrung und auch sein Gesundheitszustand verschlechterte sich wieder. Er war in der Stadt zwar sehr aktiv, aber ich glaube, dass seine Gesundheit weniger daran litt als an der Tatsache, dass er es nicht schaffte, seine Meditationspraxis fortzuführen. Anschließend kehrte er ins Zentrum zurück und versuchte, seine Kraft und Inspiration wiederzugewinnen. Sobald ihm das gelungen war, kehre er allerdings wieder in die Stadt zurück, um anderen zu helfen, und das Ganze begann von Neuem. Alan hat diesen Zyklus mehrere Male durchlaufen.

Der Wunsch, anderen zu helfen, ist natürlich ein wertvoller Gedanke. Bei Krebskranken habe ich ihn nicht so oft beobachtet, aber Menschen mit Aids sind oft besonders motiviert, anderen in derselben Situation zu helfen. Ihre persönliche Erfahrung des Leidens veranlasst sie, ein starkes Mitgefühl mit ihren Leidensgenossen zu empfinden. Trotz ihrer eigenen Probleme scheinen sie auf natürliche Weise den Wunsch zu empfinden, anderen zu helfen. Zweifellos ist das eine großartige Haltung und schon die Erzeugung dieses wunderschönen Gedankens ist ein Grund zur Freude. Problematisch daran ist allerdings, das die Gesundheit der Betreffenden sich oft verschlechtert, weil sie nicht in der Lage sind, die notwendige Disziplin und Praxis aufrechtzuerhalten.

Als ich Alan das letzte Mal sah, bevor er starb, war er sehr schwach und konnte nur mithilfe von zwei Freunden gehen. Er saß auf einem Sessel, während ich ihm mehr als eine Stunde lang erklärte, wie er die Gedankenumwandlung dazu benutzen könne, um seine Krankheit als etwas Positives und Sinnvolles zu sehen statt als negativ und hoffnungslos. Ich sagte Alan, es sei ein großer Glücksfall für ihn, Aids zu haben, weil seine Krankheit ihm die unglaubliche Gelegenheit verschaffe, seinen Geist auf dem spirituellen Weg zu entwickeln, auf dem Weg zur Erleuchtung. Seine Krankheit öffnete ihm das Tor zur Erleuchtung und allem anderen Glück. Ich erklärte ihm den Nutzen einer solchen Erkrankung. Zum Beispiel kann Aids einen raschen und kraftvollen Weg zur Entwicklung von Mitgefühl darstellen, denn wenn man selbst darunter leidet, ist es leicht, Mitgefühl für andere Menschen mit Aids zu empfinden, aber auch für Menschen mit anderen Leiden. Benutzt man die Erkrankung dann dazu, liebende Güte und Mitgefühl zu erzeugen, findet eine sehr kraftvolle Reinigung statt. Ich erinnere mich zwar nicht an jedes einzelne Wort, das ich zu Alan sagte, aber die Grundaussage lautete, seine Krankheit könne ihn schneller zur Erleuchtung führen. Ich wollte, dass seine Aidserkrankung als positiv empfinden könne; er sollte den unglaublichen Nutzen erkennen, den er davon haben konnte.

Wir brauchen die Gedankenumwandlung, weil Heilung sehr viel mit unserer Denkweise zu tun hat. Wir müssen lernen, unsere Krankheit als etwas zu betrachten, was wir brauchen, nicht als etwas, was wir nicht brauchen. Wir sollten unsere Krankheit als Auszeichnung erkennen. Statt sie als Hindernis zu empfinden, sollten wir sie benutzen, um liebende Güte, Mitgefühl und Weisheit zu entwickeln. Wie wir Gift als Medizin verwenden können, so können wir auch unsere Krankheit als Weg zum Glück verwenden. Indem wir unseren Geist umwandeln, können wir unserem Kranksein eine Bedeutung verleihen, die nicht nur für uns selbst, sondern für alle Lebewesen gilt. Benutzen wir unsere Krankheit, um die wertvollen menschlichen Eigenschaften der liebenden Güte und des Mitgefühls entstehen zu lassen, so sind wir dadurch in der Lage, jedem einzelnen Lebewesen Frieden und Glück zu bringen.

Da wir die Krankheit ohnehin erleben müssen, können wir sie uns zunutze machen, indem wir uns und allen anderen Lebewesen ein Glück bringen, das zeitlicher wie ewiger Natur ist. Das ist eine sinnvolle Art und Weise, Krankheit zu erleben.

Nachdem wir so über die Gedankenumwandlung gesprochen hatten, fühlte Alan sich viel besser. Am Anfang hatte er zusammengesunken auf seinem Sessel gehockt, doch nach unserem Gespräch war er in der Lage, sich aufzurichten und ohne Hilfe aufzustehen. Verblüfft von der plötzlichen Besserung seines Zustands hob er die Arme in die Luft und rief: "Schaut doch! Schaut her! Ich kann jetzt ganz alleine stehen!"

Daran kann man sehen, wie sehr der Zustand des Körpers mit dem des Geistes verbunden ist. Das ist zwar immer so, meiner Erfahrung nach aber besonders im Falle von Aids. Sind HIV-Infizierte in der Lage, ihren Geist stark und gesund zu machen, können sie länger leben. Obwohl die Infektion nicht verschwindet, kann die Erzeugung eines gesunden Geistes zu einem längeren Leben, aber auch zu einem kräftigeren, gesunderen Körper führen.

Alan hatte zwar eine unmittelbare Verbesserung seines Gesundheitszustands erlebt, aber es reichte natürlich nicht aus, dass sein Geist zu diesem Zeitpunkt in einem solchen Zustand war. Hätte er es geschafft, ihn weiterhin in diesem Zustand zu bewahren, hätte ihm das geholfen, länger gesund zu bleiben.

Lucy

Als Lucy, eine australische Schülerin von mir, mir vor vielen Jahren sagte, sie habe Krebs, schlug ich ihr vor, mehrfach Nyung-nä durchzuführen. Nyung-nä ist eine Reinigungspraxis, die sich auf Chenrezig, den Buddha des Mitgefühls bezieht, und an zwei aufeinander folgenden Tagen durchgeführt wird. Sie besteht unter anderem aus vielen Niederwerfungen und teilweisem Fasten; am ersten Tag nimmt man eine Mahlzeit zu sich, am zweiten isst und trinkt man nichts. Fasten an sich ist nichts besonderes, im Grunde ist es einfach eine Art Folter. Diese Fastenpraxis wird jedoch mit einer speziellen Motivation verbunden: Man entwickelt Mitgefühl und nimmt dabei die Verantwortung auf sich, alle Lebewesen vom Leiden zu befreien und ihnen Glück zu bringen. Lucy praktizierte daraufhin einige Male Nyung-nä in Bodhgaya, an dem heiligen Ort in Indien, an dem Buddha Shakyamuni die Erleuchtung erlangt hat.

Eine weitere Praxis, die Lucy auf meinen Rat hin ausführte, bestand darin, Wasser zu segnen, indem sie drei Malas des Chenrezig-Mantras von mittlerer Länge(6) rezitierte und dann auf das Wasser blies. Von dem so gesegneten Wasser trank sie dann mehrfach täglich. Diese Praxis führte sie auch fort, als sie aus Indien nach Australien zurückgekehrt war.

Als ich sie später bei einem Vortrag in London wieder traf, war sie ganz gesund und strahlte geradezu. Vor kurzem habe ich sie auch in Australien wiedergesehen und sie war immer noch gesund. Jedes Mal, wenn ich Lucy treffe, sagt sie, es sie die Praxis des mitfühlenden Buddhas gewesen, die ihr geholfen habe, von ihrer Krebserkrankung zu genesen.

Luke

Als Luke, ein in Singapur lebender chinesisches Schüler von mir, zu einer Routineuntersuchung ins Krankenhaus ging, erklärte ihm sein Arzt, er habe sich mit HIV infiziert. Sein Lehrer war Rato Rinpoche, ein hoher Lama, der in Dharamsala in Indien lebte, inzwischen aber verstorben ist. Luke hatte das gute Karma, Meditationsanweisungen von ihm zu bekommen, und da er sich ihm sehr verbunden fühlte, bat er ihn in einem Brief um Rat. Obwohl Rato Rinpoche damals selbst krank war, war er so gütig, Luke eine spezielle Meditation über liebende Güte und Mitgefühl zu schicken. Man nennt sie Tonglen, "Nehmen und Geben".

Bei dieser Meditation üben wir uns in Mitgefühl, indem wir alle Leiden – also auch die Krankheiten – anderer Wesen auf uns nehmen und sie dazu benutzen, unsere Selbstsucht zu zerstören, die die Wurzel all unseres Leidens ist. Psychologisch gesehen, ist diese Meditation das direkte Gegenteil unseres üblichen Wunsches, von anderen Menschen keine Krankheiten zu empfangen. Um liebende Güte zu üben, bieten wir anderen Wesen daher unseren eigenen Körper an, unseren Besitz, unser Glück und unsere positive Energie. Das ist keine geheime oder seltene Praxis, sondern eine bekannte Meditation aus den Lehren des Stufenwegs zur Erleuchtung.

Als er Rato Rinpoches Anweisungen erhalten hatte, praktizierte Luke die Meditation ganze vier Tage. Dann ließ er im Krankenhaus eine zweite Untersuchung machen, bei der die Ärzte keinerlei Spur des HI-Virus mehr entdecken konnten. Als ich ihn fragte, wie viel er meditiert habe, war ich regelrecht konsterniert, als er sagte, er habe das nur drei bis vier Minuten täglich getan. Ich hatte erwartet, dass er viele Stunden meditiert hatte. Interessant an dieser Geschichte ist, dass diese wenigen Minuten der Meditation offenbar außerordentlich wirkungsvoll waren. Während er damit beschäftigt war, hatte er weder an sich noch an seine Krankheit gedacht. Es war, als hätten seine eigenen Probleme gar nicht existiert. Er dachte nur an das Leiden von anderen, besonders von Menschen mit Aids, und erzeugte dadurch ein intensives Mitgefühl.

Jedes Mal, wenn er meditierte, strömten ihm Tränen übers Gesicht – nicht weil er sich Sorgen um seine eigene Situation gemacht hätte, sondern weil er so viel Mitgefühl für Menschen mit HIV und anderen Problemen empfand. Er machte sich viel mehr Sorgen um sie als um sich selbst. Da er ein sehr glaubensstarker Mensch ist, fühlte er während der Meditationen auch, dass sein Lehrer bei ihm war und ihn leitete.

Nimmt man kleine Dosen einer schwachen Medizin, dauert es lange, bis man sich von einer schweren Krankheit erholt, nimmt man hingegen eine starke Medizin, erholt man sich rasch, selbst wenn man sie nur in geringer Menge und kurzfristig einnimmt. Dass Luke so rasch gesund wurde, lag an der Kraft seines eigenen Geistes, genauer gesagt an der Kraft des Mitgefühls, das er schon während seiner kurzen Meditationen empfand. Was ihn heilte, war kein Medikament, sondern sein eigenes Mitgefühl, sein eigener gesunder Geist. Das ging so rasch vor sich, weil das starke Mitgefühl, das er erzeugte, viel negatives Karma und viele Verblendungen reinigte, die die Ursache seiner Infektion gewesen waren.

Inzwischen ist Luke noch oft im Krankenhaus gewesen, um sich untersuchen zu lassen, und er ist weiterhin gesund. Das ist meine einzige persönliche Erfahrung mit einem Menschen, der durch Meditation vollständig frei von HIV geworden ist. Ich habe Luke gebeten, mir eine Kopie der Meditation zu überlassen, die er praktiziert hat, um sie vorlegen zu können, wenn ich diese Geschichte erzähle (siehe Seite 000).

Die Tonglen-Meditation ist das Herz der Heilung. Sobald wir sie begriffen haben, können wir sie auf jedes Problem in unserem Leben anwenden und damit all unsere Probleme in Glück umwandeln; es kommt dann nur darauf an, dass wir es tun. Während wir sie durchführen, fühlen wir uns nicht mehr deprimiert, weil unser Problem augenblicklich in Glück umgewandelt wird.

Tonglen ist die beste Medizin, doch der wichtigste Aspekt dieser Meditation liegt nicht darin, dass sie Krankheiten heilt, sondern dass sie uns dabei hilft, liebende Güte, Mitgefühl und Bodhicitta zu entwickeln, die Hauptursache der Erleuchtung. Bodhicitta ist der altruistische Wunsch, die Erleuchtung zu erlangen, um alle anderen Wesen von ihrem Leiden und dessen Ursachen zu befreien und sie zur vollständigen Erleuchtung zu führen. Die Tonglen-Praxis kann Krankheiten heilen und Probleme in Glück umwandeln, aber vor allem hilft sie uns dabei, an der Verwirklichung von Bodhicitta zu arbeiten – und die liebevolle, mitfühlende Geisteshaltung des Bodhicitta ist die beste Medizin für Geist und Körper.

Mr. Lee

Mr. Lee, ein chinesischer Geschäftsmann aus Singapur, hat sich durch Meditation von Magenkrebs geheilt. Ich lernte ihn bei einem Vortrag kennen, den ich in seiner Heimatstadt in einem Bowlingcenter hielt. Damals war Mr. Lee sehr mager und schwach und musste sich beim Gehen auf seine Frau stützen. Sein Arzt hatte ihm gesagt, er habe nur noch wenige Monate zu leben. In Singapur, Hongkong und Taiwan kommen oft Kranke zu meinen Vorträgen, um anschließend mit mir zu sprechen und sich Rat zu holen.

Ich gab Mr. Lee den Rat, über Tara zu meditieren und vor allem die Einundzwanzig Lobpreisungen dieser weiblichen Gottheit zu rezitieren. Als Geschäftsmann war er in der ganzen Welt herumgekommen, doch nun widmete er sich hingebungsvoll dem Gebet an Tara und erholte sich tatsächlich rasch und vollständig von seiner Krebserkrankung.

Als er später am einmonatigen Meditationsretreat im nepalesischen Kloster Kopan teilnahm, berichtete mir Mr. Lee, er habe durch seine Praxis nicht nur seinen eigenen Magenkrebs geheilt, sondern auch die schwere Herzerkrankung seines Sohnes. Nachdem er im Traum gesehen hatte, wie sich am Herzen seines Sohnes ein Rad drehte, erholte dieser sich von seiner Krankheit.

Mr. Lee hat auch viele andere Menschen geheilt, besonders solche, die durch Geister und Schwarze Magie zu Schaden gekommen waren. Um von Geistern besessene Menschen zu heilen, verwendet er gesegnetes Wasser. Ein Beispiel ist der Fall einer besessenen Frau, die sich weigerte, ihr Zimmer zu verlassen. Sie verbrachte den ganzen Tag dort. Als Mr. Lee ihr Zimmer betrat, sah er sie in Gestalt eines Geistes mit gefletschten Zähnen. Auch die Veränderungen ihres Gesichts und ihrer Stimme erinnerten ihn an ein von einem Geist besessenes Medium. Als er sie dann mit gesegnetem Wasser besprengte, wurde sie allmählich friedvoll.

Da Mr. Lee als Heiler so erfolgreich ist, warten inzwischen viele Kranke auf ihn, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt. Ich habe ihn gebeten, heilende Meditationen im Amitabha Buddhist Centre, dem FPMT-Zentrum in Singapur, zu leiten, damit alle dort – auch die Gesunden – beim Gebet für die Genesung von kranken Menschen helfen können. Es entsteht mehr heilende Kraft, wenn eine Gruppe von Menschen zusammen betet.

Hier kommt es darauf an, zu begreifen, aus welcher Quelle die heilende Kraft von Mr. Lee stammt. Es mag zwar so scheinen, als komme seine Fähigkeit, sich selbst und andere Menschen zu heilen, von einem äußeren Objekt – der Gottheit Tara –, doch entsteht sie in Wirklichkeit hauptsächlich durch seine positive Haltung. Seine Fähigkeit zu heilen ist das Ergebnis seiner starken Hingabe an Tara und seiner reinen ethischen Einstellung.

Aus all dem folgt, dass wir alle das Potential besitzen, zu heilen. Indem wir die Kraft unserer positiven Handlungen verstärken, können wir uns und andere von Krebs, Aids und anderen Krankheiten heilen. Wesentlich wichtiger ist es allerdings, die Ursachen dieser Krankheiten zu beseitigen, denn wenn wir die Ursachen von Problemen nicht aus dem Weg räumen, werden die Probleme nur vorübergehend aufhören. Wenn wir eine bestimmte Person von einer Krankheit heilen, bedeutet das erst einmal nur, dass eines der Probleme in ihrem Leben vorübergehend beseitigt wird. Bleibt die Ursache erhalten, wird das Problem wiederkehren.

Grundsätzlich können Meditationen also Krankheiten heilen, aber es reicht nicht aus, einfach über eine Gottheit zu meditieren und Mantras zu rezitieren. Wir müssen unsere Haltung und unsere Handlungen ändern. Schaffen wir es nicht, unsere negativen Handlungen zu verringern, die uns und anderen schaden, werden wir die Ursachen für Krankheiten nach unserer Heilung wieder von Neuem erschaffen. Es geht also darum, damit aufzuhören, diese Ursachen hervorzubringen.

 

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