Hardcover, 220 Seiten
Euro (D) 17,00 / sFr 30,90
ISBN 3-9807572-7-7
Dieses wichtige Buch bietet eine klare Einführung in die buddhistische Sicht der Wirklichkeit, die wegen ihrer Vereinbarkeit mit dem heutigen wissenschaftlichen Weltbild als höchst aktuell gilt, sowie einen Kommentar zu einer zentralen Schrift zu diesem Thema, Lama Tsong Khapas Lobpreis des Abhängigen Entstehens. Neben der Darstellung der philosophischen Argumentationen finden sich auch detaillierte Erklärungen der Meditationen, mit denen man eigene täuschende Wahrnehmungen überwinden kann. Ein Buch, das ein allgemein als schwierig geltendes Thema für jedermann verständlich macht.
Khensur Jampa Tegchok ist ein tibetischer Lama, der unter seinen Landsleuten und westlichen Menschen gleichermaßen für seine Gelehrsamkeit und seine ausgezeichneten Fähigkeiten bei der Vermittlung der buddhistischen Lehren bekannt ist. Von 1982 bis 1990 lebte und lehrte er in Europa, 1991 ernannte ihn Seine Heiligkeit der Dalai Lama zum Abt von Sera-je, einer der größten tibetischen Klosteruniversitäten im indischen Exil, wo er auch heute noch lebt.
Auszug aus Leerheit und Abhängiges Entstehen von Kensur Jampa Tegchok
EINIGE IRRTÜMLICHE VORSTELLUNGEN ÜBER LEERHEIT
Wenn wir über die Leerheit von wahrer Existenz meditieren, müssen wir erkennen, dass ausnahmslos alle Phänomene leer sind von wahrer Existenz. Nichts existiert zuerst wahrhaft und dann später nicht-wahrhaft. Auch die nicht-wahre Existenz selbst ist leer von wahrer Existenz. Wir müssen uns um ein genaues Verständnis der Leerheit bemühen und falsche Vorstellungen vermeiden. Vielleicht denken wir, manche Phänomene seien leer von wahrer Existenz, andere aber nicht. In Wirklichkeit existiert die Leerheit zusammen mit allen Phänomene. Oder wir haben die Vorstellung, Leerheit bedeute 'Nichts' und meditieren folglich über die Erscheinung eines 'Nichts', statt mit einem spezifischen Objekt zu arbeiten - im Glauben, dass uns diese Meditation hilft, das Dharmakaya zu erlangen. Dabei erliegen wir einem Trugschluss: Das Dharmakaya kann nur erlangt werden, wenn wir (über einen sehr langen Zeitraum hinweg) darüber meditieren, dass alle Dinge leer sind von einem Selbst, das von seiner eigenen Seite her existiert.
Die Leerheit, über die wir meditieren sollten, bedeutet nicht, dass ein Objekt leer ist von einem anderen; etwa dass eine Vase leer ist von einer Säule oder eine Kuh von einem Esel. Eine weitere falsche Ansicht ist, dass alle Phänomene weder existent noch nicht-existent sind, und dass es zur Erleuchtung führt, darüber zu meditieren. Es ist ein direkter Widerspruch zu sagen, Dinge seien nicht existent sind, aber auch nicht nicht-existent, weil die erste Aussage bedeutet, dass die Dinge nicht-existent sind, und die letztere impliziert, dass sie existent sind. Es ist nicht möglich, durch Meditation über einen solchen Widerspruch Erleuchtung zu erlangen
SYNONYME FÜR DAS ZU WIDERLEGENDE OBJEKT
Die Leerheit, auf die sich die Prasangikas beziehen, ist das Leersein eines Objekts davon, von seiner eigenen Seite her zu existieren. Es gibt acht synonyme Ausdrücke für die Bestehensweise, die von den Prasangikas verneint wird:
endgültige Existenz (don dam par grub pa);
vollkommene Existenz (vang dag par grub pa);
wahre Existenz (bden par grub pa);
Existenz aufgrund eigener Merkmale (rang gi mtsan nyid kyis grub pa);
inhärente Existenz (rang bzhin gyis grub pa);
Existenz von der eigenen Seite her (rang ngos na grub pa);
ursprüngliche Existenz (gnas lugs su grub pa):
natürliche Existenz (gshis lugs su grub pa).
Wenn wir das zu widerlegende Objekt identifizieren wollen, können wir irgendeines dieser Synonyme untersuchen jedes einzelne führt uns zu einer klaren Erkenntnis des zu widerlegenden Objekts. Bei dieser Identifizierung müssen wir über vier essentielle Punkte meditieren:
1. Erkennen des zu widerlegenden Objekts;
2. Feststellen, dass Durchdringung vorliegt;
3. Feststellen, dass es nicht eins mit den Aggregaten ist;
4. Feststellen, dass es nicht getrennt von den Aggregaten ist.
DER ERSTE ESSENTIELLE PUNKT : ERKENNEN DES ZU WIDERLEGENDEN OBJEKTS
Um die Nicht-Existenz des von der Vorstellung von inhärenter Existenz wahrgenommenen Objekts zu erkennen, müssen wir zuerst untersuchen, wie die Phänomene unserem Geist erscheinen. Jedes Mal, wenn wir denken: "Ich tat dies", "Ich tat jenes", erscheint unserer angeborenen Vorstellung, die nach einem Selbst greift, ein deutliches Selbst. Dieses Selbst scheint unabhängig und natürlich zu existieren, von seiner eigenen Seite her. Wenn wir exakt verstehen können, wie solch ein Selbst erscheint, können wir das wahrhaft existierende Selbst widerlegen. Erkennen wir diese Erscheinungsweise dagegen nicht wird uns dies dagegen nie gelingen.
Obwohl ein unabhängiges Selbst völlig nicht-existent ist, müssen wir erkennen, wie es zu existieren scheint, denn nur dann können wir logische Begründungen verwenden, um es zu widerlegen andernfalls wäre es so, als würde man versuchen mit verbundenen Augen auf ein Ziel zu schießen. Ebenso ist es nicht gut genug, lediglich eine grobe Vorstellung des zu widerlegenden Objekts zu haben: Wir müssen exakt erkennen, was es ist. Wollen wir einen Dieb fangen, so genügt es nicht zu wissen, dass der Dieb ein Mann mit Hut ist; wir müssen ihn eindeutig identifizieren und auf ihn deuten können. Würden Objekte von ihrer eigenen Seite her existieren, so würden sie nicht von irgend etwas abhängen: nicht von Ursachen und Umständen, nicht von ihren eigenen Teilen oder nicht von einer zuschreibenden Vorstellung. Die Phänomene lassen sich in Produkte und Nicht-Produkte unterteilen; innerhalb dieser beiden Kategorien existiert nichts, ohne von Ursachen und Umständen, von seinen eigenen Teilen oder einer zuschreibenden Vorstellung abzuhängen - alle Phänomenen sind abhängig Entstehende. Wenn wir die wahre Existenz, die zu verneinen ist, nicht erkennen, können wir die Leerheit nicht realisieren und sind unfähig, dem Daseinskreislauf zu entfliehen. Deshalb wird in den Werken von Aryadeva und Shantideva klar aufgezeigt, wie grundlegend wichtig es ist, das zu widerlegende Objekt zu erkennen.
Wenn wir an eine Situation denken, in der wir von jemandem kritisiert oder zu unrecht beschuldigt werden, können wir leicht erfassen, wie das Selbst unserem Geist erscheint. Bei solchen Gelegenheiten entsteht ein Gefühl der Empörung: "Ich habe das nicht getan". Das Ich, das unserem Geist dann deutlich erscheint, scheint von seiner eigenen Seite her zu existieren - dies ist das zu widerlegende Objekt. Eine ebenso starke Ich-Empfindung entsteht in Gefahrensituationen, etwa wenn wir am Rand eines Kliffs stehen und hinabstürzen könnten. Das ist die Erscheinung eines unabhängig von den Aggregaten existierenden Ich. In der Meditation sorgen wir dafür, dass solch eine Ich-Empfindung entsteht, und während sie dem Geist erscheint, nutzen wir einen Teil des Geistes, um zu analysieren und herauszufinden, in welcher Weise es existieren kann. So verstehen wir allmählich, dass der nach einem Selbst greifende Vorstellung ein Ich erscheint, welches völlig getrennt von den Aggregaten ist so getrennt wie zwei Berge auf gegenüberliegenden Seiten eines Tals.
Anfangs erscheint dieses Ich klar und deutlich, aber es neigt zum Verblassen, so dass wir das zu widerlegende Objekt nicht mehr länger erkennen können. Wir müssen oft und sorgfältig meditieren, sonst wird es uns niemals gelingen, das selbst-existente Ich zu widerlegen. Das Ich erscheint unserer nach einem Selbst greifenden Vorstellung so, als ob es solide existieren würde. Es ist so als würden wir im Dunkeln unseren Weg ertasten und unsere Hände würden einen Baum berühren: Automatisch denken halten wir den Baum für selbst-existent, es hat nicht den Anschein, als hinge er von anderen Ursachen und Umständen ab.
Wenn Dinge von ihrer eigenen Seite her existierten, sollten sie auffindbar sein, wenn wir nach ihnen suchen; aber wann immer wir nach einem Phänomen in seiner Grundlage der Zuschreibung suchen, können wir es nicht finden. Wir nennen ein Objekt 'Tisch', aber wir können den Tisch nicht finden, wenn wir an der Benennungsgrundlage nach ihm suchen. Wenn wir drei Bleistifte und einen Löffel sehen, können wir den Löffel leicht identifizieren, aber wenn wir in seiner Benennungsgrundlage nach dem Löffel suchen, lässt er sich nicht finden. Würde etwas von seiner eigenen Seite her existieren, sollte es sich nicht von einem Zustand in einen anderen verwandeln; doch eine Vase kann zerstört werden und dann endet selbst ihre Leerheit. Alle Produkte verändern sich von Moment zu Moment; Leerheiten (Nicht-Produkte) enden, wenn ihre Grundlagen aufhören zu existieren. Solche Veränderungen könnten nicht auftreten, wenn Phänomene wahrhaft existierten.
Was immer von einem der fünf Sinnes-Bewusstseinsarten eines gewöhnlichen Wesens erfahren wird, existiert nicht so, wie es erscheint. Wir können denken, dass Dinge nicht so existieren, wie sie erscheinen, doch mit einem bloßen Gedanken lässt sich das zu widerlegende Objekt nicht negieren. Wir müssen sorgfältig versuchen herauszufinden, wie die Dinge existieren. Erst dann können wir den Schluss ziehen, dass sie nicht so existieren, wie sie erscheinen. Wenn wir in unserem Zimmer etwas sehen, was wie eine Schlange aussieht, genügt es nicht, einfach nur zu denken, dass keine Schlange in unserem Raum sein kann - das kleinste Geräusch wird uns zu Tode erschrecken. Um unsere Angst zu überwinden, müssen wir das Objekt untersuchen, das eine Schlange zu sein scheint. Haben wir uns dann genau davon überzeugt, dass es keine Schlange ist, erkennen wir die Vorstellung, im Haus sei eine Schlange, als falsch und unsere Angst klingt ab. Ähnlich müssen untersuchen, wie die Erscheinung wahrer Existenz in unserem Geist entsteht, und herausfinden, ob Phänomene tatsächlich so existieren, wie sie zu existieren scheinen. Wenn wir dann können wir allmählich zu dem Schluss kommen, dass Phänomene nicht so existieren, wie sie erscheinen - das ist das Erkennen des zu widerlegenden Objekts.
Die Grundlage der Zuschreibung von Vase ist ihre Definition: »Ein bauchiger Wasserbehälter mit flachem Boden«. Aber wenn wir in all ihren Teilen nach der Vase suchen, können wir sie nicht finden. Könnten wir die Vase innerhalb ihrer Grundlage der Zuschreibung finden, würde sie von ihrer eigenen Seite her existieren. Nun könnten wir fragen: "Wenn eine Person versteht, dass eine Vase nicht auffindbar ist, nachdem sie sie in ihrer Grundlage der Zuschreibung gesucht hat, erkennt diese Person dann auf jeden Fall die Leerheit der Vase?" Die Antwort ist: Diese Erkenntnis führt nicht notwendigerweise zur Erkenntnis der Leerheit der Vase. Betrachten wir den Syllogismus: 'Eine Vase existiert nicht inhärent, weil sie nicht auffindbar ist, wenn man innerhalb ihrer Grundlage der Zuschreibung nach ihr sucht.' Die Person hat erkannt, dass das logische Anzeichen 'nicht auffindbar trotz Suche' am Subjekt 'Vase' existiert, aber sie hat noch nicht erkannt, was zu beweisen ist: Dass die Vase nicht-inhärent existiert. Somit hat sie die Leerheit der Vase nicht erkannt.
Wenn wir nun fragen: "Wenn eine Person versteht, dass sich keine inhärent existierende Vase finden lässt, wenn man innerhalb ihrer Grundlage der Zuschreibung nach ihr sucht, erkennt sie damit die Leerheit der Vase?" Die Antwort ist: Ja, sie erkennt notwendigerweise die Leerheit der Vase. Zuerst wird die Tatsache aufgezeigt, dass die Vase nicht auffindbar ist, wenn innerhalb ihrer Grundlage der Zuschreibung nach ihr gesucht wird; dann wird man allmählich zum Verständnis der Leerheit der Vase geführt.
DER ZWEITE ESSENTIELLE PUNKT: FESTSTELLEN, DASS DURCHDRINGUNG VORLIEGT
Allgemein gilt: Wenn etwas existiert, gibt es eine Durchdringung, dass es entweder ein einzelnes Objekt oder aus zwei oder mehreren Objekten zusammengesetzt ist. Ähnlich gilt: Wenn ein wahrhaft-existentes Selbst existieren würde, sollte es wahrhaft-existent eins oder wahrhaft existent viele sein. Genauer gesagt: Wenn das unabhängige Selbst existiert, gibt es eine Durchdringung, dass es entweder eins mit den Aggregaten oder getrennt von ihnen sein sollte; es gibt keine dritte Art, auf die es existieren könnte. Indem wir untersuchen, wie ein wahrhaft-existentes Selbst existieren sollte, können wir uns noch mehr Gewissheit über die Nicht-Existenz des zu widerlegenden Objekts verschaffen.
DER DRITTE ESSENTIELLE PUNKT: FESTSTELLEN, DASS DAS SELBST NICHT EINS MIT DEN AGGREGATEN IST.
Wäre ein unabhängiges Selbst eins mit den Aggregaten, so sollte es untrennbar von ihnen sein. Das hätte zur Folge, dass das Selbst mit bei einer neuen Geburt keine neue Ansammlung von Aggregaten erwerben könnte. Ein weiterer Fehler wäre, dass es fünf Selbste gäbe, weil es schließlich fünf Aggregate gibt. Ebenso gilt: Würde das körperliche Aggregat zerstückelt oder unter der Erde begraben wird, so gälte das Gleiche für das Selbst: es würde ebenso in Stücke geschnitten und begraben. Da es nur eine Person gibt, sollten die Aggregate alle eins sein; ginge das Selbst zu einer neuen Wiedergeburt, sollte das gleiche körperliche Aggregat im nächsten Leben erscheinen d.h. es gäbe keine Wiedergeburt. Schließlich gilt: Das körperliche Aggregat hat Farbe, Größe und Gestalt, also würde die Person dieselben Merkmale haben.
DER VIERTE ESSENTIELLE PUNKT: FESTSTELLEN, DASS DAS SELBST NICHT GETRENNT VON DEN AGGREGATEN IST
Würde ein unabhängiges Selbst getrennt von den Aggregaten existieren, sollte es keine abhängige Beziehung zwischen der Person und den Aggregaten geben. Würden wir die fünf Aggregate, eines nach dem anderen entfernen, sollte die Person zum Vorschein kommen. Ebenso gilt: Wenn die Person von den Aggregaten getrennt wäre, sollte eine Gültige Erkenntnis fähig sein, die Person unabhängig von ihren Aggregaten wahrzunehmen, aber dies ist nicht der Fall. Wir sagen "Ich habe ihn gesehen", nachdem die Aggregate dieser Person unserem Geist erschienen sind. Es ergäbe sich auch folgender Fehler: Wäre in unserem Körper eine Krankheit vorhanden, könnten wir nicht mehr länger sagen: "Ich bin krank". Wenn wir Kopfschmerzen haben, sagen wir immer: "Ich habe Kopfschmerzen", weil es eine abhängige Beziehung zwischen dem Selbst und den Aggregaten gibt.
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